Epostheorien (P. Hardie)

Dieser Beitrag wird eine Reihe von Aussagen und Diskussionen über den Charakter und das Ziel der epischen Dichtung untersuchen: explizite Äußerungen in den erhaltenen Werken der antiken Literaturkritiker, insbesondere Platon, Aristoteles und Horaz, Fragmente der Epostheorie in den Scholien, sowie implizite Erkenntnisse aus werkinternen und werkimmanenten Darstellungen innerhalb der epischen Texte selbst (z.B. anhand von Vorträgen der fiktiven epischen Barden und der Reaktionen der internen Zuhörer darauf, Ekphrasis, fama, etc.).

Fragen nach der Stellung und Tradition dieser äußerst einflussreichen Gattung haben bereits in der Antike verschiedene Theorien über den Status und die Beispielhaftigkeit der beiden ‘Götter’ des antiken Epos, Homer und Vergil hervorgerufen: hier zu behandelnde Themen sind u.a. die Frage nach der Universalität von Homer als Quelle, sowie von Vergil, dem römischen Homer; die Bedeutung der Allegorisierung als einem Mittel zur Verteidigung der Stellung des Epos sowie der Festigung und Erhaltung der Gültigkeit seiner Lehre.

Der universalistische Ansatz zu Homer sieht ihn als eine Quelle für alle Gattungen; die antike Theorie des Epos beschäftigt sich vorwiegend mit dem Verhältnis des Epos zu anderen Gattungen, sowohl zu anderen Arten von Dichtung des Hexameter-Epos im weiteren Sinne (Bukolik und Didaktik) als auch zu anderen Gattungen (Tragödie, Lyrik, Elegie, etc.). Innerhalb der Gattung des Epos gibt es eine Diskussion und Verneinung der Subgattungen in ihrer Beziehung zu dem ‘goldenen Standard’ von Homer und Vergil: zyklisches Epos, historisches Epos, panegyrisches Epos, Epyllion.

Der Beitrag wird auch einen Ausblick auf die Renaissance sowie die modernen Epostheorien werfen und ihre Rezeption des antiken Epos und der antiken Epostheorien untersuchen. Die langwierige Renaissance-Diskussion über Epos und Romanze greift beispielsweise Ovids Erprobung der Grenzen des vergilischen Epos in seinen Metamorphosen aufundBakhtins kontrastive Charakterisierung von Epos und Roman verneint den Anspruch des antiken Epos auf Autorität.