Epische Bauformen - Strukturen epischen Erzählens (DFG)

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ein Projekt an der Universität Rostock zur Erschließung narrativer Strukturelemente im antiken Epos.

Bei der Forschungsinitiative unter der Leitung von Prof. Dr. Christiane Reitz und Dr. Simone Finkmann handelt es sich um eine internationale Kooperation von über 50 Forscherinnen und Forschern aus 10 Ländern, für die Mittel von 250.000 Euro für einen Zeitraum von drei Jahren zur Verfügung stehen.

Das griechische und römische Epos in seiner gesamten Tradition von Homer bis in die Neuzeit ist geprägt von wiedererkennbaren Bauformen. Dazu gehören erzählerisch-inhaltliche Grundmuster, also Situationen und Szenen aus dem Alltags- und Heroenleben wie das Gastmahl oder die Begegnung des Helden mit der Unterwelt, aber auch stärker strukturierende Grundmuster wie Kataloge, Gleichnisse, Musenanrufe und Elemente, welche die Handlung anzuhalten scheinen, so wie die Beschreibung von Kunstwerken (Ekphrasis).

Um die mündliche Tradition der homerischen Epen besser zu verstehen, hat man sich schon länger den 'Typischen Szenen' und 'Motiven' gewidmet. In der älteren Forschung wurden vor allem die Parallelen zwischen Homer und Vergil und der späteren epischen Produktion gesammelt. Die neuere Forschung hat sich hingegen überwiegend auf einzelne Autoren und auf Epochen im Überblick gerichtet.

In diesem Projekt steht im Mittelpunkt, dass gerade die wiedererkennbaren Formen und Elemente jeweils variiert und anders kontextualisiert werden, um neue Aussagegehalte zu transportieren. Diese wiederkehrenden, nur scheinbar traditionell verharrenden und beharrenden Elemente des Erzählens sind Träger von Innovation und generischen Experimenten. Durch das für den Rezipienten wiedererkennbare Format treten bereits kleine Änderungen gegenüber der Tradition deutlich hervor. Beispiele hierfür sind die Verlagerung von Götterversammlungen an andere Orte als den Olymp oder die generische Kontamination von Katalog und Mauerschau.

Deshalb soll für das postulierte Erzählelement der Bauform eine theoretisch fundierte Begrifflichkeit entwickelt werden. Die einzelnen Bauformen werden in ihrer diachronen Entwicklung in einzelnen Abhandlungen dargestellt. So wird ein neuartiger Zugriff möglich, der sowohl das Identifizieren von Ähnlichkeiten und Differenzen erlaubt als auch die strukturierte Basis für übergeordnete Fragen bildet.

Zu Beginn jeder Abhandlung steht eine Definition, dann werden die Bauformen in den Epen von Homer bis zu der spätantiken Epik vorgestellt und verglichen. Stellenverzeichnisse und ausführliche Bibliographien schließen die Einzelbeiträge ab. Voran geht eine Einführung in die theoretischen Grundlagen epischen Erzählens; die Bauformen des Erzählens im mittelalterlichen und neuzeitlichen Epos beschließen die Untersuchung.

Das geplante Werk, ein Kompendium in drei Bänden, schafft in innovativem Zugriff einen Einblick und Überblick in die Strukturen antiken Erzählens. Es erzeugt und vermittelt Wissen über die Traditionalität und Flexibilität dieser Strukturen und dient als Kompendium zur Erschließung der erzählenden Literatur mit einem Ausblick bis in die Neuzeit.